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LE SUCRE - ZUCKER, ZUCKER! Die unterhaltsame Komödie von Jacques Rouffino krankt wie so viele Börsen-Satiren vor allem daran, dass sie die komplizierten (nicht zwangsweise komplexen) Zusammenhänge und Abhängigkeiten des Finanzmarkts auf ein Minimum kondensieren muss, um dem fachfremden Publikum das Wesen der Börse zu umreißen und anschließend eine darauf bezogene Handlung konstruieren will, die logisch nachvollziehbar bleibt, sich aber trotzdem für absurde Wendungen anbieten muss. Wie man dem Titel des Films entnehmen kann, geht es hier um das (Börsen-)Geschäft mit Zucker. Der redliche Steuerinspektor Adrien Courtois kommt durch einen Todesfall in der Familie seiner Frau unverhofft zu einem großen Vermögen, das er auf Anraten des Börsenmaklers Raoul-Renaud Homecourt in große Mengen Zucker investiert. Zunächst macht er großen Gewinn, doch das Spekulieren an der Börse entspricht einem großen Glücksspiel, weshalb sich das Blatt schnell wieder wendet. Obwohl der Film irgendwann etwas unübersichtlich wird, bleibt man gerne am Ball, denn die rasante Inszenierung verleiht dem Film einen schön bissigen Humor. Besonders schön ist bereits der Anfang, wenn Michel Piccoli - ein bisschen an Gargamel erinnernd - auf rieseigen Zuckerrübenbergen steht und verkündet, die Zuckerzufuhr werde komplett eingestellt, woraufhin wilde Meuten die Supermärkte stürmen und sich um jede Packung Zucker prügeln. Der Film ist anscheinend ziemlich obskur, aber 2013 erschien eine DVD-Veröffentlichung. Philipp Sardes Musik ist - dem Film entsprechend - weitaus bildbezogener als in anderen seiner Filmvertonungen. Konzertant anmutende Klavierkaskaden, tänzerische Ragtime-Melodien, die die Panik der zuckerlosen Bevölkerung persiflieren und verhängnisvolle Streicher oder Holzbläserfiguren für Bedrohung durch den Zuckerkönig oder motorisch ablaufende Passagen für den regen Börsenbetrieb fangen die jeweiligen Momente musikalisch treffend ein, dürften auf Tonträger aber etwas zerfahrener wirken als Sardes Dramenvertonungen. Die 20 Minuten, die zum Filmstart auf LP veröffentlicht wurden, dürften den Großteil der Musik abgedeckt haben und sind bisher nur noch in Auszügen auf CD veröffentlicht worden.
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So war das nicht gemeint, Stefan. Deswegen habe ich ja auch die allgemeine Frage nach "Holy Grails" gestellt. Ich weiß zum Beispiel nicht, ob ich persönlich Musiken, die definitiv verloren sind, in meine "Holy-Grails"-Liste aufnehmen würde. Und wenn es danach ginge, dann hätte ich liebend gerne komplette Neueinspielungen von unzählige - auch europäischen - Sachen. Aber ich gebe gerne zu, dass ich hier noch so viel ungehörte CDs herumstehen habe, unter denen noch so viele Schätze sind, dass ich mich erstmal damit beschäftigen möchte als jetzt immer weiter nach der nächsten CD zu schreien. Und es stimmt: Ich bin nicht so bewandert auf diesem Gebiet wie Du Niemals hätte ich gewusst, was für eine tolle Musik Giovanni Fusco für LA VENERE DIE CHERONEA komponiert hat und auch nie nach einer CD gerufen. Aber jetzt, wo sie vorliegt, bin ich natürlich unendlich dankbar, diese Musik nun immer genießen zu können - wenn auch in einer Klangqualität, die dieser prächtigen Partitur nicht gerecht wird.
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So ich hole jetzt mal ein wenig auf. Zunächst geht es weiter mit DER MIETER. Dieser Film, basierend auf einem Roman von Roland Topor, zählt zu den letzten eher grotesken Filmen Roman Polánskis, der mit TESS eine überraschende Wende zum "filmischen Klassizismus" vollzog. Mich hat der Film über einen harmlosen, etwas schüchternen Büroangestellten, der sich immer mehr seiner paranoiden Wahnvorstellung hingibt, dass die Hausgemeinschaft des Hauses, in das er vor kurzem eingezogen ist, ihn in den Tod treiben will, sehr beeindruckt. DER MIETER markiert die erste Zusammenarbeit von Philipp Sarde und Polánski. Wie so oft hat der Komponist auch hier vermocht, den Kern des Films musikalisch herauszuarbeiten. Besonders geglückt finde ich den prominenten Einsatz der Glassharmonika, die mit ihren schwebend-entrückten Klängen den geistigen Zustand des Protagonisten perfekt einfängt - und gleichzeitig auch eine schöne Referenz auf ein wesentliches Element des Films: Den Blick durch's Glas. Schon beim Vorspann, bei dem die Kamera zahlrreiche Fenster abfährt, aus denen die Mitglieder der Hausgemeinschaft herausstarren, schafft Sardes Musik eine unheimliche Atmosphäre, die bald in ein fasslicheres Klarinettenthema wechselt, das für den von Polánski gespielten Protagonisten steht. Im weiteren Verlauf schafft Sarde es, immer beklemmenderere Klangflächen zu schaffen, durchzogen von den Klängen der Glasharmonika und tiefen Streicherlinien. Mitunter setzt Sarde setzt Sarde auch dissonante Cluster und heftige Akzente ein, um die vermeintliche Bedrohung und den fortschreitenden Realitätsverlust einzufangen. Sardes Musik ist bei Weitem keine leichte Kost, entfaltet aber eine faszinierende Atmosphäre. Tatsächlich hat es über 20 Jahre gedauert, bis die Musik offiziell von Universal France veröffentlicht wurde. Eine erweiterte Fassung erschien dann von Quartet Records, die ihre Fassung noch einmal aufgelegt haben, sodass DER MIETER noch immer zu einem Normalpreis zu haben ist.
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Schocktober / Hooptober ... aber filmmusikalisch ... Interesse?
Mephisto antwortete auf TheRealNeos Thema in Filmmusik Diskussion
Ha, mit den ganzen Goldsmith-Sachen kann ich ja sogar was anfangen Tatsächlich hätte ich jetzt gute Lust, mal wieder THE FINAL CONFLICT aufzulegen. Der Silvestri liestsich nicht uninteressant und dieDeluxe-Fassung wird ohnehin in meine Sammlung wandern. Ein anderer, sehr schön "herbstlicher" Goldsmith-Horror-Score wäre ja MAGIC. -
Die Frage ist ja ein bisschen, meinen wir mit "Holy Grails" die der Sammlerszene? Dann denke ich, sind die meisten wie BACK TO THE FUTURE, SPARTACUS etc. abgegrast. Wenn es um persönliche "Holy Grails" geht, wird es die immer geben, weil es bestimmt noch die eine oder andere obskure Musik gibt, die der eine oder andere von uns gerne hätte. Mir fällt nichts mehr ein außer diversen Frank-Skinner-Musiken, aber die wären für mich eher schön zu haben als wirklich notwendig.
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Schocktober / Hooptober ... aber filmmusikalisch ... Interesse?
Mephisto antwortete auf TheRealNeos Thema in Filmmusik Diskussion
PENNY DREADFUL ist damals leider an mir vorbeigegangen... als CD. Ohnehin ist Korzeniowski in meiner Sammlung noch sehr unterrepräsentiert, obwohl ich seine Musik zu A SINGLE MAN so liebe. Goldsmiths POLTERGEIST war für mich eine absolute Entdeckung, vor allem die chorgeschwängerte Seuqenz in der Mitte hat mich schwer beeindruckt. Ich hatte einfach nicht damit gerechnet, eine so vielseitige Partitur zu hören zu bekommen. Schön auch, dass die vor einiger Zeit im Druck erschienen ist. POLTERGEIST 2 fiel für mich dagegen schon ab, obwohl es natürlich tolle Passagen gibt. Die Veröffentlichungshistorie fand ich dann irgendwann grotesk mit diesem 3-CD-Set von Intrada... -
veröffentlichung Intrada: Lawman (Jerry Fielding)
Mephisto antwortete auf Oliver79s Thema in Scores & Veröffentlichungen
Genau, zwischen den beiden Intrada-Veröffentlichungen gab es die TWILIGHT-TIME-Variante, die kam - glaube ich - 2017 raus. -
Schocktober / Hooptober ... aber filmmusikalisch ... Interesse?
Mephisto antwortete auf TheRealNeos Thema in Filmmusik Diskussion
Auch wieder zwei schöne Texte von Dir! Kann es sein, dass die späten 00er cineastisch eine ziemlich dystopische Angelegenheit waren? Da kamen doch auch CHILDREN OF MEN und CONTAGION (gut, der war schon 2011) raus. Mit den "...DAYS LATER"-Filmen konnte ich wenig anfangen, aber LAST HOUSE ON THE LEFT - vor allem im Original - steht jetzt mal auf meiner Liste -
veröffentlichung Intrada: Lawman (Jerry Fielding)
Mephisto antwortete auf Oliver79s Thema in Scores & Veröffentlichungen
Da würde mich Deine Meinung zur TWILIGHT-Blu-Ray interessieren, die ja lange vor der Intrada-CD eine isolierte Musikspur enthielt. -
Das ist richtig. Ich musste auch Sautets MADO überspringen, weil es den ohne deutsche Tonspur oder Untertitel gab. Die Berliner Bibliotheken haben zwar viel, aber sie haben eben nicht alles. Es wird demnächst hier etwas sporadischer weiteregehen, aber ich bleibe dran
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Schocktober / Hooptober ... aber filmmusikalisch ... Interesse?
Mephisto antwortete auf TheRealNeos Thema in Filmmusik Diskussion
Schöne Vorstellung einer mir noch unbekannten Musik! Ich hoffe, Du ziehst das Projekt durch. Da ich wie gesagt im Horrorbereich nicht sehr bewandert bin, bin ich auf weitere Vorstellungen gespannt. -
Also filmisch finde ich LE JUGE ET L´ASSASSIN hervorragend: tolle Bilder, tolle Landschaft, tolle Ausstattung, tolle Musik, tolle Schauspieler - aber inhaltlich fand ich das absolut nicht überzeugend und das fällt für mich bei diesem Film stärker ins Gewicht als woanders, weil die Autoren und der Regisseur ja besonders viel Wert auf ihre Botschaft oder Haltung legen. Für ein "Charakterdrama" waren mir die Figuren auch zu satirisch überzeichnet, als dass sich da irgendetwas hätte groß entwickeln können. Aber insgesamt hatte ich beim Ansehen Freude und werte das Filmerlebnis definitiv als eine Bereicherung. Heute ging es weiter mit AFFENTRAUM, dem dritten Film von Marco Ferreri in dieser Sarde-Retro. Wie zu erwarten, wirft auch dieser Film Fragen auf. Gérard Depardieu spielt einen jungen Franzosen, der in New York lebt und für eine rein weibliche Theatertruppe arbeitet. Beim Spaziergang mit alten Leuten auf einer riesigen Baustelle vor dem World Trade Center findet er in einer riesigen Affenpuppe, die vielleicht den gefallenen King Kong darstellt, ein Schimpansenjunges, das er wie ein Kind aufziehen will. Das New York in diesem Film ist keine pulsierende Metropole, sondern eine von Außenseitern bevölkerte Stadtwüste, die allesamt ein erfolgloses Dasein fristen. Da ist der affektierte Mr. Flaxman der ein Wachsfigurenkabinett über das römische Reich unterhält, die "feministische" Theatertruppe, der verzweifelte Luigi und eben Lafayette mit seinem Affen. Der provozierende Anfang, in dem Lafayette von den Schauspielerinnen niedergeschlagen und vergewaltigt wird, um Eindrücke für ein neues Projekt zu sammeln, trägt ohne Frage Ferreris Handschrift, verweist aber nicht auf den weiteren Verlauf des Films, der sich in teils grotesken, teils humoristischen und zwischenmenschlich anrührenden Eindrücken ergeht. Es gibt einige starke Momente und Bilder, die noch nach dem Schauen nachwirken und reifen, viele lockere Anknüpfungspunkte und Interpretationsangebote - aber alles ist gleichgültig und gleich gültig aneinandergereiht. Sarde hat wie auch für die anderen Filme von Ferreri sehr wenig Musikbeigesteuert, maßgeblich ein langes lyrisches Solo für Kontrabassflöte, die, wie Stefan weiter oben beschrieb, extra für die Aufnahmen gebaut wurde. Der tief hauchenden Klang des Instruments passt sehr gut zu der entrückten und befremdenden Atmosphäre dieses merkwürdigen Films, wobei in der kurzen Komposition wieder Sardes tiefes Gespür für schöne Melodien zur Geltung kommt. Auch hier wieder die Frage an die Experten: Taucht dieses Thema später in anderer Form wieder auf?
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veröffentlichung Varese Club: Jerry Goldsmith THE OTHER
Mephisto antwortete auf scorefuns Thema in Scores & Veröffentlichungen
Interessant, dass man das nicht wenigstens vom Film gezogen hat, wenn's zumindest die Vorspannmusik ist... -
veröffentlichung Varese Club: Jerry Goldsmith THE OTHER
Mephisto antwortete auf scorefuns Thema in Scores & Veröffentlichungen
Oh, wow! Das kommt davon, wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht. Naja, vielleicht kommt dann ja doch noch etwas auf Kronos oder Dragon's Domain. -
veröffentlichung Varese Club: Jerry Goldsmith THE OTHER
Mephisto antwortete auf scorefuns Thema in Scores & Veröffentlichungen
Es ist vor allem schade, wenn klar ist, dass da nichts neues kommen wird. MEPHISTO WALTZ ist ja noch ein Kandidat, bei dem sich eine Neuauflage rentieren würde, aber bei den DeVols? Und JACK, THE GIANT KILLER wird ja auch niemand machen. Hat mal jemand Schecter angefragt, ob der die Overdubs zur Verfügung stellen würde, damit Leute sich eine "private" vollständige Edition machen können? Mir ist allerdings nicht bewusst, was dort, bei THE BIG GAMBLE oder bei RIVER OF NO RETURN fehlt. So eingehend habe ich mich damit nicht beschäftigt. -
Das mit dem "Sitzfleisch" war von mir nicht zwangsweise negativ gemeint. Genau wegen der ganzen Entwicklungen und Wendungen benötigt der Film eben seine Zeit, ich habe die zwei Stunden Laufzeit "gespürt", ohne mich gelangweilt zu haben. Daher habe ich auch nicht das Wort "langatmig" verwendet Das sehe ich bei LE JUGE ET L'ASSASSIN durchaus anders. Der Film beginnt überaus unterhaltsam, wenn Michel Galabru als der aus dem Armeedienst entlassene Joseph Bouvier nach dem gescheiterten Mordversuch an seiner Angebeteten, die ihn ablehnte, sich vollkommen durchgeknallt durch das erste Drittel des Films krakeelt, aus dem Gefängniszug ausbricht, in der Irrenanstalt pathetische Reden hält und in der Kirche flucht. Die detaillierte Ausstattung und die fantastischen Landschaftsaufnahmen sorgen dafür, dass der Film auch visuell viel zu bieten hat. Dem geistig verwirrten Bouvier wird der Richter Richter Émile Rousseau gegenübertgestellt (offensichtlich zusammengesetzt aus den Namen "Émile Zola" und "Jean-Jacques Rousseau"), der fanatisch nach Bouvier sucht, der sich in ganz Frankreich an mehreren Minderjährigen vergangen und sie anschließend getötet hat. Als Satire, die die Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts auf's Korn nimmt, lebt der Film natürlich von Überzeichnungen. Es gibt zahlreiche Seitenhiebe auf den blinden Antisemitismus dieser Zeit (vor allem die Dreyfuss-Affäre und Zolas Reaktion darauf tauchen als Motiv immer wieder auf), die Macht der Medien (Bouvier besteht darauf, dass sein Bild in den Zeitungen veröffentlicht wird), die Bigotterie (der Anwalt Villedieu hält sich offensichtlich einen asiatischen Diener als Sexsklaven) und das Spießbürgertum insgesamt. Das kann den Film in der ersten Hälfte noch tragen, zumal das Gezerre um Bouviers Zurechnungsfähigkeit und die daraus abzuleitenden Folgen für seine Verurteilung (Todesstrafe oder nicht) ein interessantes Thema bieten. Allerdings tritt der Film zusehends auf der Stelle. Nach einer Stunde sind die karikativ gezeichneten Figuren etabliert und haben ihre jeweilige Position eingenommen. In der zweiten Hälfte drehen sich die Figuren im Kreis, ganze Dialoge wiederholen sich gefühlt, wenn Rousseau und Bouvier sich in der Kulisse der Gefängnisszene immer die gleichen Argumente vortragen. Hier wäre weniger wirklich mehr gewesen. Was mich aber noch vielmehr stört, ist die Prämisse des Films. Man versucht hier, den geistig verwirrten Mörder und Vergewaltiger Bouvier gegen den fanatischen Spießbürger Rousseau, der noch bei seiner Mutter wohnt, auszuspielen à la "Wer ist hier der Kranke?: Der Arzt oder der Patient?"- hier eben als "Wer ist hier der Kriminelle?: Der Typ, der 14 Schäferjungen und -mädchen umgebracht oder der Richter, der aus Karrieregeilheit unbedingt die Todesstrafe für den Mörder erwirken möchte, um einen spektakulären Prozess zu bekommen?" Ehrlich gesagt, stellt sich mir diese Frage aber nicht. Denn diese Motive sind nicht vergleichbar. Der Film versucht dann in verzweifelter eine Engführung zu erzwingen, indem Rousseau schließlich selbst zum Vergewaltiger wird. Wenn der Autor das Ruder gänzlich rumzureißen versucht, indem er die sozialistische Arbeiterbewegung einführt und im Abspann schreibt, dass Bouvier zwischen 1893 und 1898 zwölf Kinder getötet habe, in derselben Zeit jedoch mehr als 2.500 Kinder in den Minen und Seidenfabriken Frankreichs umgekommen seien, verliert mich der Film völlig. Es mag im Geiste der 70er-Jahre gewesen sein, diese Dinge gegeneinander auszuspielen, aber mich holt das nicht ab. Das sind zwei vollkommen unterschiedliche Probleme, die sich nicht vergleichen lassen - wie schon bei der Figurenkonstellation. Zumal der Film durch seinen satirischen Charakter auch keine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Umgang von geistig kranken Straftätern oder die Todesstrafe bieten kann (da ist DEUX HOMMES DANS LA VILLE sehr sehenswert). Der dialoglastige Film kommt mit recht wenig Musik aus, dennoch nutzt Philippe Sarde die ganze Bandbreite seiner Orchesterbesetzung. Nervöse, immer wieder blitzartig durchzuckte Motive eröffnen den Film, der einer Einstellung auf reinen, unberührten Schnee beginnt. Sie kehren wieder, wenn Bouvier verhaftet wird. Für die pastoralen Landschaftsaufnahmen entwarf Sarde ein lyrisches Thema, das im Kontrast zu den grausamen Verbrechen steht, die hier begangen werden. Im Mittelpunkt steht jedoch die Ballade über Bouvier, mit der eine besonders starke Szene gestaltet ist. Unser @nordfriesede hat das vor acht Jahren sehr schön beschrieben:
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veröffentlichung Varese Club: John Debney SUDDEN DEATH
Mephisto antwortete auf scorefuns Thema in Scores & Veröffentlichungen
Den Film habe ich auch erst dieses Jahr mal gesehen und war begeistert. SUDDEN DEATH wartet schon mit tollenMomenten auf wie Maskottchenschlägerei in der Küche und dem explosiven Finale. Auf Peter Hyams ist einfach Verlass! Von Debneys Musik war ich aber ehrlich gesagt etwas enttäuscht, da hatte ich mir mehr versprochen. Schade, dass Broughton den nicht gemacht hat. -
Wie gesagt, so misslungen fand ich ON AURA TOUT VU! gar nicht. Da ich im Rahmen meiner "Sarde-Sichtung" tatsächlich "nur" die Filme schaue und nicht noch eingehend die CDs höre, kann es gut sein, dass ich bestimmte Nuancen nicht mitbekomme. So hätte ich höchstwahrscheinlich niemals bemerkt, dass das Thema aus ONAURA TOUT VU! jetzt in MORT D'UN POURRI, den ich mir gestern angesehen habe, wiederkehrt. Es handeltsich ja vor allem um das fünftönige Kern-Thema. In der ersten Fassung - gerade im Finale - erklingt es als sanfter, leicht melancholisch-beschwingter Walzer, während es in MORT D'UN POURRI viel dunkler, noch getragener - und durch viele Verziehrungen - weitaus "freier" wirkt. Besonders eindrücklich finde ich schon die Vorspannmusik, in der Getz das Thema nach dem dritten Ton "bricht" und dann sehr frei improvisiert, bevor die Streicher mit melancholischen Klängen einsetzen, die absolut keine Verbindung mehr zu ON AURAT TOUT VU! aufweisen. Für den Film braucht man tatsächlich einiges an Sitzfleisch, ich wüsste aber auch nicht, wo man hier die Schere hätte ansetzen sollen. Der Protagonist gelangt in den Besitz eines belastenden Dokuments, mit dem er anscheinend die komplette wirtschaftliche und politische Elite Frankreichs erpressen könnte. Dumm nur, dass nicht nur die Betroffenen ahnen, dass er über diese Unterlagen verfügt, sondern die Polizei ihn auch des Mordes bezichtigt. So beginnt ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel, das sich allerdings sehr langsam entspinnt und auch die paar spektakulären Verfolgungsjagden, in denen mehrere Autos geschrottet werden, nicht wirklich aufzulockern vermögen. Fasziniert war ich vor allem davon, wie der Schauplatz Paris als völlig seelenlose unterkühlte Metropole dargestellt wird. Man sieht kaum alte Bausubstanz, nur moderne gläsernde Architektur. Es ist vielleicht der "unpariserischste" Paris-Film, den ich bisher gesehen habe. Insofern fügt Sardes Musik mit den melancholischen Streicherflächen, den teils verloren wirkenden Improvisationen des Solosaxophons eine wichtige Ebene hinzu, die ich vor allem als Widerhall von der Verlorenheit des Protagonisten interpretiere und dem kühlen Schauplatz eine "klassische" Film-Noir-Atmosphäre verleiht. Wirklich eine starke Arbeit und ich finde es schön, dass Sarde und Lautner verhältnismäßig viel Musik im Film eingesetzt haben. Gerade bei dem Katz-und-Maus-Spiel im Bahnhofträgt die Musik sehr viel zur Dichte der Szene bei.
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veröffentlichung Intrada: EDGE OF SANITY (Frederic Talgorn)
Mephisto antwortete auf Osthunters Thema in Scores & Veröffentlichungen
Talgorn hat mich noch nie enttäuscht, schade, dass der keine größere Diskographie hat. Er gehört halt zu den guten Handwerkern, die auch billige oder qualitativ fragwürdige Filme mit hervorragender Musik ausgestattet haben - ich denke da besonders an Robert Folk. -
EIN TOLLPATSCH AUF ABWEGEN - ON AURAT TOUT VU! Ich bin weder ein großer Fan von Pierre Richard noch ein Kenner seines Œuvres. Bisher kannte ich ihn hauptsächlich aus entsetzlich quirligen Komödien, in denen seine Figur mir schnell auf den Keks geht (vor allem in DER ZERSTREUTE und DER REGENSCHIRMMÖRDER). EIN TOLLPATSCH AUF ABWEGEN ließ mich ähnliches vermuten: Der Werbefotograf François hat mit einem Kumpel ein Drehbuch geschrieben, das nur von einem Pornoproduzenten akzeptiert wird. Um den "Erfolg" des Films zu garantieren, lässt dieser das philosophisch-politische Drama zu einem Porno umschreiben, worüber Pierre natürlich wenig begeistert ist. Versuche, die pikante Umarbeitung zunächst vor seinem Kumpel geheim zu halten sowie das Entsetzen seiner Frau, die versucht, ihm von dem Vorhaben abzubringen, führen zu zahlreichen Verwicklungen. ON AURAT TOUT VU! von PROFESSIONNEL-Regisseur Georges Lautner und ADIEU-POULET-Autor Francis Veber ist überraschend gelungen. Der Film gewinnt vor allem durch die Dynamik zwischen François und seiner Frau Christine, gespielt von Sylvette Marie Jeanne Herry, die Pierre versucht, von dem Projekt abzubringen, indem sie selbst die Hauptrolle spielen will. Die Szene zum Beispiel, in der sie beim Vorsprechen nackt und unter Tränen aus Molière vorlesen muss, ist überaus stark und beklemmend. Sogar der stereotypische Pornodarsteller Aldo bekommt in einer unerotischen Bettszene einen nachdenklichen, fast schon rührenden Moment, wenn er erzählt, wie er nach einem "langen, anstrengenden Arbeitstag" sich nach einer prüden Frau sehnt, die ihm lediglich einen Gutenachtkuss auf die Stirn gibt. Auch Richard nehme ich die Zerrissenheit seines François ab. Darüber hinaus hat der Film auch einige absurd-komische Momente, aber für mich hatten die ernsten Momente viel mehr Gewicht. Der überraschende, fast schon poetische Schluss hat mir den Film dann noch ein gutes Stück nähergebracht. Der Film ist überaus zurückhaltend vertont. Statt Vladimir Cosma, der viele Richard-Komödien vertonte, durfte hier Philippe Sarde "ran", der uns mit der schmetternden, an die 20th-Century-Fox-Fanfare angelehnten Titelmusik ordentlich in die Irre lockt. Es geht hier weder um das große Hollywoodkino, noch erleben wir im weiteren Verlauf des Films eine ähnliche kraftvolle Orchesterattacke. Es gibt einige jazzige Source-Stücke, aber kaum noch "externe" Musik. Sarde konzentriert sich interessanterweise ausschließlich auf die Szenen zwischen François und Christine, für die er ein wiegendes, melancholisches Stück komponierte, das im Film zweimal im Nachbeben eines großen Konflikts und schließlich für das "traumhafte" Schlussbild eingesetzt wird. Es würde mich nicht wundern, wenn Sarde dieses Stück auch in spätere Vertonungen "gerettet" hätte, aber das müsste Stefan hier einordnen. Musik aus ON AURAT TOUT VU! wurde natürlich auf dem Lautner-Sarde-Sampler von Universal France vor rund 13 Jahren veröffentlicht, womit eigentlich alles abgedeckt sein dürfte.
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Schocktober / Hooptober ... aber filmmusikalisch ... Interesse?
Mephisto antwortete auf TheRealNeos Thema in Filmmusik Diskussion
Naja, hier einzelne "Hörprojekte" vorzustellen hat doch eine ziemlich lange Tradition. -
Die Spielzeitpause ist vorüber, das Zeughauskino hat sein Programm wieder aufgenommen, daher komme ich wieder weniger dzau, zuhause Filme zu schauen. Aber trotzdem bleibt Sarde der rote Faden in meiner Heimkinounterhaltung. BAROCCO von André Teciné ist ein feiner Thriller, der für mich einen besonderen Reiz des Mediums Films sehr schön hervorkehrt: Die Überzeichnung, die extreme Stilisierung und die Freude am Extremen, hinter der eine "logische" Handlung durchaus zurückbleiben darf. Interessanterweise sah ich hier erneut einen französischen Film aus der Mitte der 70er-Jahre, in dem sich die Handlung vor dem Hintergrund eines politischen Wahlkampfes abspielt (wie in ADIEU POULET). Die junge Sexarbeiterin Laure wird Zeuge eines kaltblütigen Mordes an ihrem Freund, dem Boxer Samson - kurz bevor das junge Paar sich mit einem ordentlichen Batzen Geld, den ihnen eine der im Wahlkampf befindlichen Parteien als Schweigegeld aushändigte, absetzen kann. Dabei sieht der Mörder dem Opfer zum Verwechseln ähnlich. Auf der Suche nach dem Geld stellt er Laure nach und schließlich kommt es zu einer Annäherung zwischen den beiden. Der Film stellt wahnsinnig viele Handlungselemente, die irritieren mögen, wie selbstverständlich hin, weshalb man die eigenen Beobachtungen beim Schauen immer wieder hinterfragt. Warum fiel Laure die Ähnlichkeit des Unbekannten mit ihrem Freund nicht auf, während dieser im selben Café wie sie auf Samson wartete, um ihn zu erschießen? Warum verwechselte sie ihn nicht gar mit Samson? Ist es eine Ähnlichkeit, die sie sich nur einbildet und die dem Publikum durch die Doppelbesetzung von Gerard Departieu nur vorgegaukelt wird? Die amouröse Annäherung zwischen Laure und dem Mörder wird vom Film vorausgesetzt, sie ist vollkommen irrational und es wird gar nicht der Versuch unternommen, die gefährliche Wechselwirkung irgendwie zu erklären. In melodramatisch übertriebenen Spiel keifen, schreien und ächzen sich die Protagonisten an, mit wedelnden Armen rudert der ins Gesicht geschossene Samson auf dem Bahnsteig dem Gleis zu...die Bilder, Gesten und das Spiel ist stark, irgendwie "laut". Beharrlich erkundet die Kamera große Räume oder fährt neben den Figuren her, die oft längere Strecken durch belebte Orte (Bahnhof, Straße) zu Fuß zurücklegen und entwickelt einen visuellen Fluss, der prägend für den Gesamteindruck des Films ist. Ich hatte wirklich Freude, mich auf diesen Film einzulassen. Philippe Sardes Musik trägt viel zu der Atmosphäre dieses Thrillers bei. Den Kern seiner Komposition bildet eine nervöse, von Blechakkorden durchstochene Streicherfigur und ein in sich kreisendes Sehnsuchtsmotiv, das sich fast manieristisch festkrallt, zum treibenden Motor von Verfolgungsszenen wird oder sich ebenso melodramatisch steigert wie die Szenen, die es begleitet. Ich gebe zu, dass es auch hier eine oder zwei Szenen gab, bei denen ich mir Musik gewünscht hätte, in denen Sarde aber stumm blieb (vor allem während sich Laure durch den menschlichen Gegenstrom in der Bahnhofstraße kämpft). Im Film klingt die Musik wahnsinnig matschig, die Quartet-CD, die die vollständige Musik enthält, klingt - den hörproben nach zu urteilen - weitaus klarer.
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Schocktober / Hooptober ... aber filmmusikalisch ... Interesse?
Mephisto antwortete auf TheRealNeos Thema in Filmmusik Diskussion
Ich bin großer Fan solcher "Projekte", aber 31 Filme schaffe ich niemals in einem Monat. Man sieht ja schon, wie das "Sarde"-Projekt massiv stockt. -
Schön, dass Yared von MBR so viel Aufmerksamkeit bekommt. Den Film habe ich in den 00ern mal auf Sat 1 gesehen und war wirklich gepackt. Für das BACK-TO-COLD -MOUNTAIN-2-CD-Set war ich damals echt dankbar, weil es ja offiziell kaum etwas von Yareds Musik gab. Auch hier dürften die 2 CDs wieder Overkill sein, aber auch hier gibt's ja wieder eine kuratierte Sektion wie auf BACK TO COLD MOUNTAIN, wo Yareds Oscar-Promo-Zusammenstellung mit enthalten war.
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Ich höre gerade folgendes Album...(Teil 2)
Mephisto antwortete auf Marcus Stöhrs Thema in Filmmusik Diskussion
Es ist schon beeindruckend, was damals alles produziert wurde, zumal Varèse ja ebenfalls viele Neuaufnahmen, gerade von Herrmann, vorgelegt hat. Natürlich schwanken die Aufnahmen in der Qualität, aber gerade in jungen Jahren hat es mir viel gegeben, die farbenreichen Instrumentierungen dieser Musiken in klaren Neuaufnahmen zu hören, teilweise ja komplett oder fast komplett. Schade, dass es heute so etwas kaum mehr gibt. Die TRIBUTE-FILM-CLASSICS-Reihe hat ja noch große Hoffnungen geweckt und TADLOW hat noch wichtige Lücken geschlossen, aber da hat sich die Lage ja leider sehr verändert.