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Mephisto

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  1. Ja, der Film entspricht spürbar dem Zeitgeist und schien mir auch durch diverse amerikanische Vorbilder inspiriert, was die Charakterzeichnung des Komissars anging. Nichts desto trotz habe ich mich sehr unterhalten gefühlt. Die nervösen Rhythmen des Drumsets und die wilden, teils sehr dissonanten Einwürfe des Vibraphons und des Klaviers fand ich für das urbane Setting und die Grundstimmung sehr angemessen. Ich lerne die ganzen Sarde-Musiken gerade ausschließlich im Film kennen und mirist bewusst, dass gerade in den jüngeren Produktionen sehr viel Musik keine Verwendung fand. Daher sind meine Eindrücke zur Musik hier auch nicht allzu detailliert, weil mir nicht jede musikalische Querverbindung auffällt (siehe DER UHRMACHER VON ST. PAUL).
  2. Uff... ich denke, da macht vor allem der Sprecher viel aus, vor allem für Nicht-Klassikhörer.
  3. Nach LANCELOT DU LAC und TOUCHE PAS À LA FEMME BLANCHE folgte heute wieder ein "normaler" (=kommerzieller) Film: ADIEU POULET. Lino Ventura prügelt sich hier als mürrischer Komissar durch ein Netz aus Korruption, indem reiche Unternehmer, die für politische Ämter kandidieren, genau so verstrickt sind wie Puffmütter und Polizisten. Nach LE CHAT und LE TRAIN liefert Pierre Granier-Deferre hier einen gradlinigen Actionkrimi, der die antiautoritäre Haltung als Rechtfertigung für die reißerische Handlung nimmt. Ich kann nicht einschätzen, ob das Publikum in den 70er-Jahren Komissar Verjeat ähnlich wie Eastwoods Dirty Harry oder später Willis' McClane mit wohltuender Genügsamkeit dabei beobachtete, wie er die Sache selbst "in die Hand nahm", sich über die blöden Vorgesetzten und bornierten Richter hinwegsetzt, um notfalls mit der Anwendung von Gewalt seinen Zielen näher zu kommen. Der rasant inszenierte Film macht durchaus Spaß, kommt mir aber extrem chauvinistisch rüber. Die auf Wikipedia zitierten Kritiken bezeichnen den Film oftmals als "perfekten" Actionfilm, mit kommt das Ganze stellenweise ziemlich hingerotzt vor, von Perfektion ist vor allem in der Kameraarbeit wenig zu spüren, vor allem in den hektisch verwackelten Zooms oder den teils zu nahen Einstellungen. Da gibt es wesentlich faszinierende Beispiele der "entfesselten" Kamera. Auch wird in den Dialogszenen fast immer zwischen uninspirierten Nahaufnahmen der jeweils sprechenden Person hin und hergeschnitten, eine sinnvolle Anordnung der Figuren im Set oder eine wirkliche Interaktion kann zwischen den Darstellern somit nicht stattfinden. Philippe Sardes Musik ist jaziig angehaucht und fängt vor allem mit den dissonanten Harmonien des Klaviers die schmutzig-urbane Atmosphäre des Films treffend ein. Wie immer ist der Film ziemlich sparsam vertont, aber zum ersten Mal bei einem von Sarde vertonten Film hätte ich mir mehr Musik gewünscht: Einmal bei der Ankunft der Einsatztruppen bei der Geiselnahme und dann bei der Verfolgungsjagd überden Baukran, die im Gegensatz zu den anderen Actionszenen ziemlich dröge und spannungsarm inszeniert ist. Die vollständige Musik gibt es aufeiner CD von Music Box Records zu hören, die aber mittlerweile schon wieder vergriffen ist.
  4. Das ist eben der Vorteil, wenn man in der Hauptstadt lebt. Der Verbund öffentlicher Bibliotheken Berlin besteht aus über 80 "Filialen", die insgesamt über eine phänomenale Filmsammlung verfügen. Da ist es überhaupt kein Problem, auch ausländische DVDs und Blu-Rays zu bekommen. Ich habe vor ein paar Monaten einfach mal Sardes Filmographie im Katalog abgeklappert und über 50 Treffer bekommen, die ich hier nach und nach "abarbeiten" werde. Es gibt natürlich ein paar Lücken, aber wie gesagt, habe ich hier schon einige interessante Entdeckungen gemacht. Von Bresson habe ich hier neben PICKPOCKET auf Blu-Ray auch DAS GELD als DVD gefunden. Mit "Stilisierung" meinte ich, dass ja eine bestimmte Strenge in der Gestaltung ausgereizt wird, auch ein karger Stil kann ja stringent umgesetzt werden. Aber ohne arrogant wirken zu wollen denke ich halt, dass sich mir das Konzept von LANCELOT DU LAC bald erschlossen hat und mich dann schnell anödete. Mag aber auch der Tagesform geschuldet gewesen sein. Früher oder später werde ich mich nochmal näher mit Bresson beschäftigen, dass es LANCELOT wurde, ist ja alleine Sardes Schuld TOUCHE PAS À LA FEMME BLANCHE hat mir wesentlich besser gefallen als DAS GROSSE FRESSEN. Hier fand ich hat alles gepasst, während die Völlerei im GROSSEN FRESSEN ein ziemlich ödes Erlebnis war. LA DERNIÈRE FEMME und LIZA konnte ich noch nicht auftreiben, damit bleibt erstmal nur AFFENTRAUM.
  5. Ich kann mir vorstellen, dass DAS GROSSE FRESSEN vor rund 50 Jahren ganz anders gewirkt hat als heute. Was LANCELOT angeht, habe ich mein Interesse an Bresson nicht verloren, aber mir gehen solche überstilisierten Filme gerade eher auf den Keks. Hätte ich den mit 16 mal auf ARTE oder so erwischt, dann hätte mich LANCELOT DU LAC ganz woanders abgeholt und mich hätte diese Strenge, das reduzierte Spiel, die Bildausschnitte und die Dialoge weitaus mehr gereizt als heute, wo meine Sehgewohnheiten auch einfach "ausgeleiert" sind. Sowas hängt vielleicht auch von der Tagesstimmung ab und ich hatte zugegebenermaßen Probleme, mich auf diese Inszenierung, die sich mir - so glaube ich zumindest - erschlossen hat, auch konsequent einzulassen. Natürlich sind die klappernden Rüstungen ein parodistisches Element, aber nach den eröffnenden Kampfszenen hat es für mich massiv an Wirkung verloren und im weiteren Verlauf des Films fand ich es nur noch albern und bemüht. Das Turnier fand ich auch einigermaßen packend, vor allem in der ewigen Wiederholung ein und derselben Bildmotive, die für mich die Sinnlosigkeit und die Leere des vielgepriesenen Rittertums sehr gut rüberbrachte. Aber es ist auf alle Fälle interessant, was für Filme man durch Sarde entdeckt. Heute gab es dann TOUCHE PASÁ LA FEMME BLANCHE. Ich gebe zu, dass ich wahrscheinlich selten einen so kaputten Film gesehen habe. Ferreri, der diesen Film kurz nach Fertigstellung von DAS GROSSE FRESSEN drehte, wollte hier anscheinend einen Film über amerikanischen Imperialismus und den Vietnamkrieg drehen, verpackte das ganze aber in ein historisch inspiriertes und insgesamt überaus groteskes Erlebnis. In einer Baugrube der im Abriss befindlichen Pariser Markthallen inszenierte Ferreri einen "Western" mit General Custer im Mittelpunkt. Custer agiert als rechte Hand von imperialistischen und kapitalistischen Industriemännern, die Einfluss auf die Politik nehmen, sich aber stets davon distanzieren, selber Politiker zu sein. Im Namen des Fortschritts lassen sie andere die Drecksarbeit machen. Durch die mangelhafte Kulisse und das völlig überzogene Spiel der Beteiligten (u. A. Michel Piccoli als Buffalo Bill) wirkt der Film absurd und komisch, vermag aber trotzdem seine Botschaft wirkungsvoll zu transportieren. Wenn zum Beispiel die Industrievertreter zu Beginn ganz rational über die "notwendige" Vernichtung von Menschengruppen räsonieren, dann bilden diese Dialoge die Blaupause nicht nur für die rassistisch grundierten Indianerkriege, sondern auch für Denkweise der faschistischen Regime des 20. Jahrhunderts. Die Hinrichtung der zum Tode verurteilten und die Verbrennung von Indigenen in einem Industrieofen bilden erschütternde Brüche in dem übertriebenen und teils amateurhaften Inszenierungsstil. Besonders beeindruckend sind die halsbrecherischen Stunts im blutigen Schlusskampf, für dessen Kameraarbeit sich das Team vielleicht einige Tricks des New Hollywood abgeguckt hat. Hier läuft der Film in Bezug auf die temporeiche Inszenierung zahlreichen "ernsthaften" weitaus sinnlos-blutrünstigeren Euro-Western den Rang ab. Die beständige ästhetische Diskrepanz, wenn Männer in Unionssoldatenuniformen und Westernklamotten durch die Pariser Innenstadt reiten oder sich in einer Baugrube beschießen, verliert überraschenderweise über die gesamte Laufzeit nicht an Reiz. In der Mitte zieht sich der Film etwas durch die episodische Aneinanderreihung der einzelnen Szenen, die in sich schön geschrieben und gespielt sind, aber nicht konsequent ineinandergreifen und zum Ende führen. Wie man heute damit umgehen sollte, dass durchweg Europäer indigene darstellen und das auch noch in extrem dilettantischen Kostümen mit schlechten Perücken, ist fraglich. Das Ganze wirkt hier so bewusst überzeichnet und als Seitenhieb gegen die lange Tradition unsensibler, teils unfreiwillig lächerlicher, teils bewusst rassistischer Darstellungen von Indigenen im US- und europäischen Western, dass man hier nicht ernsthaft von "kultureller Aneignung" sprechen kann. Es ist recht viel Musik im Film, vor allem Militärmärsche, Songs und Folkklängen. Philippe Sardes "Originalmusik" beschränkt sich wahrscheinlich auf die Eröffnungscollage für den Vorspann, in dem Militärsignale und bekannte traditionelle Melodien in dissonanten und grell orchestrierten Schichten übereinandergelegt werden, sowie auf einige Passagen am Ende, in denen am Ende das pentatonische "Indianermotiv" im ganzen Orchester erklingt und die Fanfaren und Marschanklänge unter sich begräbt.
  6. Stimmt, es ist eine Rumba! Ich finde, Du hast nichts verpasst, wenn Du DAS GROSSE FRESSEN bisher nicht geschaut hast. Weißt Du denn noch, wie der damals aufgenommen wurde? Es sind ja immerhin renommierte Darsteller, die sich dafür hergegeben haben. Schön, dass Du auch hier noch das passende Sarde-Zitat aus dem Hut zaubern konntest. Es wäre super, wenn Du noch die Quelle angeben könntest, falls man die kompletten Interviews/Quellentexte mal lesen wollte Heute habe ich meinen ersten Film von Robert Bresson gesehen: LANCELOT DU LAC. Ich muss zugeben, dass es sich hierbei um ein ziemlich freudloses Filmerlebnis handelte. Bresson bemüht sich um Reduktion in allen Bereichen: Im darstellenden Spiel, in den Dialogen, den gewählten Bildausschnitten - und natürlich der Musik. Während der Dialoge bleibt die Kamera oft auf nur einer Figur haften, während der Gesprächspartner aus dem Off zu hören ist, wobei uns in den knapp gefassten Sätzen oftmals die Weisheit mit Löffeln eingefößt werden soll: "Das Recht ist nicht die Gerechtigkeit." "Selbstbeherrschung wird oft mit Feigheit verwechselt." Das fast ausdruckslose Spiel der Laiendarsteller und die gewählten Bildausschnitte, die sich häufig auf Füße, Pferdehufen (für Bresson angeblich das Symbol für Kraft und Gewalt) und Hände fokussieren, verlieren schnell an Reiz und lassen den gerade einmal 84 Minuten langen Film zäh wie Kaugummi erscheinen. Bei den Kampfszenen zu Beginn und am Ende entfaltet Bressons Inszenierung eine gewisse Kraft, das Blut fließt in Strömen aus den ewig klappernden Rüstungen, wie weggeworfene zerquetschte Konservendosen stapeln sich die tapferen Ritter übereinander. Bresson verzichtet nahezu vollständig auf Musik und schrieb einmal, wie @Max Liebermannes schon einmal zitierte, in den "Noten zum Kinematographen" schreibt Bresson übrigens: "Keine Musik zur Begleitung, zur Unterstützung oder zur Verstärkung. Überhaupt keine Musik! Außer, wohlverstanden, die Musik, die gespielt wird von sichtbaren Instrumenten." Ich muss ehrlich sagen, dass ich diese Haltung nicht nachvollziehen kann. Film ist immer Manipulation. Wie man glauben kann, dass der Verzicht auf Musik einen Film "realistischer", "distanzierter" oder sonstwas machen kann, hat sich mir nie erschlossen - vor allem, wenn man so überstilisiert wie Bresson. Man schaltet damit neben Bildgestaltung, Darstellung, Dialogen, Choreographie etc- einfach eine weitere Schicht zur Verwirklichung der Vision aus, gewinnt aber nicht zwangsweise etwas damit. Immerhin hat Sarde für den Prolog ein anderthalb Minuten langes Stück schreiben dürfen, das auch während des Vorspanns und kurz am Ende als Marsch erklingt. Mit der Instrumentierung für Rührtrommeln, große Trommeln, Dudelsäcke und Pfeifen wirkt es recht "authentisch", aber vor allem ist Sarde ein famoser Trommelrhythmus eingefallen, der ordentlich Schmackes hat und der kurzen Passage eine enorme Kraft verleiht. Dafür hat sich der Film dann doch ein bisschen gelohnt.
  7. Was ich noch zum UHRMACHER VON ST. PAUL schreiben wollte: Es ist auffällig, wie häufig hier Film erwähnt und gleich zu Beginn indirekt gegen das Fernsehen ausgespielt wird, wenn der Protagonist witzelt, dass die Vollstreckung der Todesstrafe zusammen mit der Hitparade im Fernsehen übertragen werden solle, weil das Fernsehpublikum ja nur sensationsgeil sei und unterhalten werden wolle. Der Sohn hat anscheinend dezidiert Notizen über Filme sowie Diskussionen über Filme aufgezeichnet und der Assistent fragt den Inspektor, ob er DAS GROSSE FRESSEN kenne. ...den habe ich übrigens heute Abend gesehen und ich muss gestehen, wirklich beeindruckt hat mich Ferreris Fress- und Sexorgie nicht. Auch hier fehlt mir natürlich die mittlerweile 50 Jahre zurückliegende zeitgenössische Sehgewohnheit. Es mag sein, dass die lauten Pupsgeräusche während Sexsszenen und die frivole Zurschaustellung weiblicher Körper in Kombination mit dekadenter Völlerei damals die Leute schockiert haben mag, heute wirkt das ganze zeitweise gar pubertär, insgesamt wahnsinnig flach und langweilig.Bei der "Toilettenexplosion" hatte ich kurz das Gefühl, eben jene Eskalation zu sehen, die der Film die ganze Zeit anstrebt, aber kaum erreicht. Schön sind diverse Störmomente, zum Beispiel wenn die sich eine Sexarbeiterin im Hintergrund plötzlich übergibt oder Philippe plötzlich der Teller wegrutscht, während Michel Klavier spielt. Aber insgesamt hat mich der Film weder packen, noch schockieren, noch aufrütteln, noch irgendwie erreichen können. Immerhin habe ich jetzt mal diese Bildungslücke geschlossen. Der Film verfügt über keine externe Musik, Philippe Sarde hat auf alle Fälle eine melancholische Swingnummer geschrieben, die als Grammophonplatte erklingt und von mehreren Figuren gesummst und auf dem Klavier gespielt wird. Wie so oft bei Sarde verfügt auch diesekurze Komposition über eine einprägsame Melodie.
  8. Super, vielen Dank für die Infos! Ich bin halt bei solchen Sachen wie den Universal-Samplern gerade am Überlegen, weil ja momentan doch einiges an expandiertem Sarde rauskommt. Daher schiebe ich die auf die lange Bank.
  9. Vielen Dank für die Erläuterung! Also führen die beiden Stücke von der CAM-Scheibe die kurzen Passagen zusammen oder fehlt da noch etwas? Das mit dem Glockenspiel ist eine schöne Anmerkung, das habe ich so beim Filmschauen nicht rausgehört und die Universal-CD habe ich nicht. Nur weil die Musik zur Ankunft der beiden Typen, die die Scheibe einwerfen, so aus dem Rahmen fiel und ich auch das Adagio-Thema für den Schluss ästhetisch nicht mit der Vorspannmusik zusammengebracht habe, habe ich mich gefragt, ob es sich um Originalmusik handelt. Daher nochmal vielen Dank für die Asuführung!
  10. D'ARTAGNANS TOCHTER, den ich vor Jahren mal gesehen habe(meine erste Sarde-CD dank einer Empfehlung von @sami hier), und DIE PASSION DER BEATRICE sind bezeichnenderweise auch nicht in der Box. Ich habe gestern mal mit DER UHRMACHER VON ST. PAUL weitergemacht. Ein schöner ruhiger und kleiner Film über - Überraschung! - einen (alleinerziehenden) Uhrmacher, der im Stadtteil St. Paul von Lyon ein friedliches Dasein verbringt. Eines Tages taucht die Kriminalpolizei bei ihm auf und offenbart ihm, dass sein Sohn mit dessen Freundin den Leiter des Werkschutzes der Fabrik, in der sie gearbeitet hat, umgebracht haben soll. Der Film fokussiert sich auf die verzweifelte Suche des Uhrmachers Decombes nach dem Motiv des Sohnes und die allmählich reifende Erkenntnis, dass sich die beiden offenbar doch nicht so nahe standen, wie er immer dachte. So hat er noch nie die Freundin seines Sohne getroffen, mit der dieser aber dem ehemaligen Kindermädchen schon zwei Besuche abgestattet hatte. Um der Wahrheit näher zu kommen, unterstützt er Inspektor Guilbout bei dessen Untersuchung. Guilbout stellt mit seiner ruhigen und sympathischen Art das Gegenteil des fiesen Komissars in DEUX HOMMES ANDS LA VILLE dar. Insgesamt will sich der Film einen politischen Anstrich geben, indem oftmals über die bevorstehenden Wahlen, die Vereinnahmung des Verbrechens von politischer Seite, Protesten von Sexarbeiterinnen, inkompetente Polizisten, Arbeiterstreiks etc. geredet und diskutiert wird, aber über Plattitüden kommt das Ganze meiner Meinung nach nicht heraus. Es war wahrscheinlich auch ein anderes Erlebnis, diesen Film 1974 in Frankreich zu sehen als 2024 in Deutschland. Darüber hinaus muss man als Zuschauer viel Bereitschaft mitbringen, die Verzweiflung und Hilflosigkeit des Vaters durch eigene Anteilnahme nachzuvollziehen, denn das zurückhaltende Spiel von Philippe Noiret und die unaufgeregte Regie bringen einem die Situation des Vaters nicht unmittelbar nahe. Die Musik von Philippe Sarde besteht aus sieben kurzen Stücken, die für mich im Film über kein verbindendes Element verfügen. Die Vorspannmusik lehnt sich mit dezentem Schlagzeugrhythmus und Saxophonklängen tatsächlich an die zeitgenössische Popmusik an, die spitzen Streicherifugren bei der Ankunft von zwei bezahlten Schlägertypen erinnert ein bisschen an die Gefängnisaufstandmusik aus DEUX HOMMES DANS LA VILLE und auch die anderen kurzen Passagen wirken wie für sich alleinstehende Miniaturen. Vielleicht weiß Stefan ja, ob es sich hier um wiederverwendete Stücke handelt und ob diese auf der kurzen CAM-Scheibe in Gänze zu hören sind. Auf CD sind nur zwei Auszüge dieser ersten Veröffentlichung auf einem Tavernier/Sarde-Sampler Universal France greifbar.
  11. Vielen Dank für Eure Kommentare! Tatsächlich habe ich mir auch die Bertrand-Tavernier-Edition mit 11 Blu-Rays ausgeliehen, da ist DER RICHTER UND DER MÖRDER auch dabei. Von QUAI D'ORSAI war ich ja nicht so begeistert, aber das liegt - glaube ich - auch eher am Stoff.
  12. CEMETARY CLUB und THE FIELD habe ich tatsächlich aus der Zeit (wahrscheinlich damalsbeimgroßen Colosseum-Ausverkauf mitgenommen), bin aber noch nicht dazu gekommen, den zu hören- ebenso FAR FROM HEAVEN.
  13. Wo habe ich denn geschrieben, dass ich spätromantische Symphonik bei Sarde erwarte, wobei ich auch nicht zustimmen würde, dass bis in die 60er hinein musikalisch immer nur die Filmhandlung gedoppelt wurde, aber ich denke, ich verstehe was Du meinst. "Wall to wall" war ja auch im Golden Age eher die Ausnahme, VOM WINDE VERWEHT ist ja auch "nur" zu ca. 65% mit Musik unterlegt. Ich meinte nur, dass bisher bei Sarde die Themen oft sehr melodiös, chansonesk - wenn man so will - sind. Die Stücke sind häufig kurz und formal in sich sehr geschlossen - eben mehr wie ein Lied mit Einleitung-Strophe-Refrain-Strophe-Refrain und eben nicht so frei fließend wie viele Stücke aus der Golden-Age-Sinfonik. Natürlich fehlt da der durchgehende (dezente) Schlagzeugrhythmus und der E-Bass, um das Ganze wirklich "poppig" klingen zu lassen, aber sollte ich demnächst mal die begleitenden Cembalo-Figuren, E-Bass und Drumset bei so einem Sarde-Thema hören (wie in Morricones MADDALENA oder Goldsmith's LAST RUN, dann würde mich das nicht überraschen oder käme es mir auch nicht "unpassend" vor. Das meinte ich nur, wwaum ich bei Sardes Musik bisher (!) oftmals (!) von der Struktur und von einem abstrakten Blickwinkel aus mehr Überschneidungen mit den Poptrends der damaligen Zeit sehe als mit der traditionellen "herkömmlichen" Filmvertonung. War auch nicht wertend, sondern beschreibend gemeint.
  14. Heute mal wieder mit Sarde weitergemacht: DEUX HOMMES DANS LA VILLE. Den Film hatte ich eigentlich schon für Sonntag angesetzt - noch Tage bevor ich die Nachricht vom Tod Alain Delons erhalten habe. Mich hat der Film über einen entlassenen Ex-Sträfling, der in einer anderen Stadt neu anfangen will, sehr gefesselt. Nach einem ersten schweren Schicksalsschlag schafft es Bankräuber Gino, sich ein neues Leben aufzubauen, aber schon bald treiben ihn seine ehemaligen Komplizen, die wieder Kontakt zu ihm suchen, und der ehrgeizige Komissar, der Gino einst hinter Gitter brachte, ihn die Enge. Der Film ist ein ergreifendes Plädoyer gegen die Todesstrafe. Sarde sah seine Aufgabe darin, beim Publikum Sympathie für den ehemaligen Verbrecher zu wecken, und vermeidet daher weitgehest, Spannung oder Action in irgendeiner Form zu unterstreichen, sondern zielt mit seiner elegischen Musik, in der vor allem die Streicher prominent eingesetzt sind, auf das Gefühlsleben der Figuren ab. Was mir bislang auffällt, ist, dass Sardes starke Musiken oft formal sehr geschlossen sind (Sami kritisierte das ja mal als "formstreng") und häufig sehr lyrische und cantabile (=gesangliche) Themen aufweisen. Dadurch haben seine Stücke für mich häufig den Anklang von sehr delikaten, instrumentalen Balladen. Sie erinnern mich viel mehr an elaborierte Popmusik aus dieser Zeit denn an die spätromantische Schule, aus der ja die europäische und amerikanische Filmmusik maßgeblich bis in die 50er- und 60er-Jahre schöpfte.
  15. Stimmt, wie konnte ich AGE OF INNOCENCE nur ausblenden? Es gab in den 90ern ja tatsächlich mehrere "kleine" Dramen in Bernsteins Filmographie. Ich gebe auch frei zu, dass ich bei weitem nicht alles von ihm bisher gehört habe und gerade das Spätwerk bei mir noch ziemlich unterbelichtet ist. RAMBLING ROSE, THE GOOD SON, HOODLUM oder DEEP END OF THE OCEAN kenne ich zum Beispiel weder aus den Filmen, noch habe die ich die CDs hier stehen.
  16. "sowas"? Meinst Du damit Sportfilmmusik oder pathetisch angehauchte Sachen im Allgemeinen?
  17. Oha! Damit habe ich absolut nicht gerechnet. Schöne Komplett-Edition auf alle Fälle, aus der man sich sein eigenes Album basteln kann, wenn man will.
  18. Vielen Dank, @Trekfan, da sind noch einige schöne Empfehlungen bei, die ich bisher nicht auf dem Schirm hatte. Tatsächlich ist die Bernstein-Musik überraschend uninteressant, zumal sie manchmal sogar ein Stück unpassend wirkt, indem sie manchmal nicht auf das Tempo oder die Stimmung einer Szene eingeht, sondern 70er-Stangenware-Funk-Rhythmen gespielt und geslappt werden, ohne dass es wirklich groovig wirkt. Der Film selbst hat ja auch seine Schwächen, wie Du schön ausgeführt hast. Am Anfang war er mir tatsächlich etwas "fremd" und "distanziert". Ich finde, dass nicht nur Elmer Bernstein in der aktuellen Filmmusik-Diskussion "weg vom Fenster" ist, sondern ja auch viele seiner Kollegen - auch der nachfolgenden Generation. Wer spricht noch über Bill Conti, der damals im Varése-Club regelmäßig vertreten war - oder Bruce Broughton, der immerhin noch viele Premieren auf Intrada feiern konnte. Dazu hat sich die Filmmusik einfach zu stark geändert - ebenso das Sehverhalten, aber das hat @Stefan Schlegel ja schon an so mancher Stelle ausgeführt. Ich bin ja erst so richtig zur Filmmusik gekommen, als mit Raksin, Bernstein und Goldsmith drei Größen abgetreten waren, habe also gar nicht mehr die Zeit bewusst erlebt, in der die noch aktuelle Filme vertont haben. Aber wenn ich mir die Rezensionen aus den 90ern so durchlese, scheint es, dass die damaligen Filmmusikfans eher enttäuscht vom jeweiligen Spätwerk waren und Bernstein & Co. ja eher wegen ihrer Arbeiten von 1950-1990 geschätzt waren - oder irre ich mich?
  19. Ich bin in einer Bibliothek über die DVD zu REPORT TO THE COMISSIONER gestolpert und habe mir den Film jetzt mal am Freitagabend gegönnt. Es ist wirklich 70er-Jahre-Kino par excellence mit der entfesselten Kamera, einem rauen urbanen Setting und einer Riege von Antihelden. Im Mittelpunkt steht der Mord an einer Undercoverermittlerin im Drogenmillieu, wobei der Verdacht schnell auf den schüchternen Polizisten Bo Lockley fällt, der mit seiner zurückhaltenden und rücksichtsvollen Art die ruppigen Kollegen, die ihn als "Hippie" ansehen, irritiert hat. Zu Beginn kommt der Film etwas schwer in Fahrt, gewinnt dann aber im wahrsten Sinne des Wortes Tempo. Der Einstieg ist etwas zerfahren, nach dem Vorspann besteht der Film dann erstmal aus Rückblenden, die sich wie Puzzleteile zusammensetzen und sich die Zusammenhänge erst stückweise erschließen. In der Mitte punktet der Film mit zwei rasant inszenierten und ungewöhnlichen Verfolgungsjagden: Ein obdach- und beinloser Vietnamveteran verfolgt auf seinem primitiven Rollbrett ein Taxi undwenig später liefern sich Bo und der Drogenboss "The Stick" eine Verfolgungsjagd zu Fuß durch halb New York. Ich konnte gut verstehen, warum Elmer Bernsteins Musik damals nicht regulär veröffentlicht wurde. Dem Zeitgeist entsprechend lieferte er funky Rhythmen, aber alles wirkt etwas zerfahren und funktional, da gibt es weitaus besseres von seinen Kollegen. Für Komplettisten erschien die Musik ja immerhin vor 16 Jahren auf einer Club-CD, die hier aber auch kein reges Interesse hervorgerufen hat.
  20. Habe mal einen Sprung ins aktuelle Jahrtausend gemacht: QUAI D'ORSAY... Uff... Also, mir ist bekannt, dass es sich bei der Rede des damaligen französischen Außenminister vor der UN mit den berühmten Worten "Et c'est un vieux pays, la France, d'un vieux continent comme le mien, l'Europe" beginnt, französisches Kulturgut ist und zu den drei großen französischen Reden gehört, die alle in der Schule einmal durchgenommen haben. Insofern mag ich es als Deutscher auch noch schwieriger finden, einen zwei Stunden langen Film um das Entstehen einer drei Minuten langen Rede zu stricken. Letzten Endes habe ich nicht nachvollziehen können, an wen sich dieser Film richtet. Wirklich "die Franzosen"? Schauen die sich echt gerne zwei Stunden lang Anzugträger in opulenten Räumen an, die ein bisschen debattieren? Dafür ist leider keine Figur stark genug gezeichnet (der Sonderberater für Amerika, der eigentlich total antiamerikanisch ist, die Sonderberaterin für Afrika, die halbherzig als Femme fatale eingeführt wird), verschiedene Handlungsstränge verschwinden wieder oder kommen gar nicht erst zum Tragen, sodass man dem Film schnell nur noch gelangweilt und desinteressiert folgt - wenn überhaupt. Es ist überhaupt nicht klar, ob das jetzt eine Komödie sein will oder doch eher eine nationalistische Bauchpinselung mit humoristischem Einschlag. Besonders interessant, dass selbst der Höhepunkt, die Rede, dann am Ende einfach komplett verpufft. Philippes Sardes Musik ist vielleicht das einzig ansprechende an dem Film. Auch hier folgt er einem Konzept, das er in früheren Arbeiten anwendet, indem seine Musik hauptsächlich bei Montagen oder dialogfreien Momenten zu hören ist. Es sind vergnügte kleine Miniaturen, durchsichtig instrumentiert, häufig temporeich und mit Witz. Schöne Musik, den Film dazu brauche ich aber wirklich nicht.
  21. Die ist im aber an anderer Stelle zu hören und zwar zu Beginn von "Jar Jar's Introduction"(Nr. 4)- insofern fand Williams die schon gut genug. Ich mag's als einleitendes Vorspiel sehr gerne und find's auch nicht zu bildbezogen. Es ist halt eine schöne Eröffnung und fällt nicht direktmit der Tür ins Haus.
  22. EPISODE I sprüht musikalisch nur so vor Einfällen. Noch interessanter finde ich das quirlige Holzbläservorspiel zu dem Jar-Jar-Thema. Mittlerweile greife ich, wenn ich mal wieder einen Prequel-Score hören möchte, zu EPISODE II, weil der am wenigsten Themen eingeflochten hat und nicht so nach STAR WARS klingt. Die Aneinanderreihung von Leitmotiven in Episode IV-VI habe ich mitlerweile zu Genüge gehört und EPISODE I war eine meiner ersten CDs, sodass ich die komplett mitsingen kann.
  23. Heute ging es mit LE TRAIN weiter - einem starken Film mit einer starken Sarde-Musik. Nebeneinem absolut überraschenden Schockmoment wartet der Film auch mit einem unglaublich starken Ende auf! Sardes Musik ist für seine Verhältnisse fast schon melodramatisch, das lyrische Thema mit den bewegten Begleitfiguren, die eventuell für die gleichmäßige Bewegung des titelgebenden Zugs stehen können, wird von den Streichern getragen und von Sarde mehrfach voll zur Blüte gebracht. Diesen lyrischen Klängen stehen harsche und rhythmisch dominierte Passagenfür den Zweiten Weltkrieg gegenüber, die überwiegend über historische Aufnahmen von dem deutschen Angriff auf Frankreich begleiten. Ohnehin ist die Einbindung von Archivmaterial, das dann wieder in die Spielhandlung übergeht, sehr gelungen und bereitet eben jenen Schockmoment vor. Die Musik begleitet kaum Dialogszenen, sondern erklingt hauptsächlich während Montagen oder längeren gesprächslosen Momenten und kommt so voll zur Geltung. Zusammen mit LE CHAT handelt es sich bei der (leider mittlerweile vergriffenen) Quartet-CD um einen echten musikalischen Schatz!
  24. Das tut mir wirklich Leid zu lesen. Ich hoffe, der Herbst wird wieder besser.
  25. Ja, Du warst ja auch ein paar Wochen untergetaucht, oder? "Moon River" ist schon ein faszinierendes Beispiel für einen eingängigen Song, der aber harmonisch so ausgefuchst ist - das ist schon faszinierend. Schön, diese ganzen Schattierungen hier einmal so auf einen Blick zu sehen.
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